Mit Fehlern gelassen umgehen – was dabei hilft

03 Oktober 2017 | 5 Kommentare

Wieso können wir mit Fehlern nicht gelassen umgehen – und ab wann setzt eigentlich die Angst ein, dass man etwas falsch machen könnte? Schon bevor man denken kann?

Wenn man als Baby im Bett liegt und spürt, dass man zu viel schreit, zu viel Hunger hat, zu viel auf den Arm genommen werden will?

Nähe und Wärme braucht, leises Summen und tröstliche Worte, weil man selbst sich noch nicht beruhigen kann.

Aber nur wenig davon bekommt, auf der anderen Seite Kälte, Überforderung und Flucht spürt.

Oder setzt die Angst erst dann ein, wenn man läuft und hinfällt, Dinge kaputt macht, Gläser umwirft, nicht ins Bett will, weil die Welt da draußen so spannend ist und man deshalb schreit und weint.

 

Angst einen Fehler zu machen – das heiße Gefühl in Bauch

Ich weiß nicht, ab wann ich Angst hatte, einen Fehler zu machen. Wann das Bewusstsein da war, dass ich etwas tue, das nicht richtig ist. Und mein Körper mit einem heißen, dunklen Gefühl der Angst im Bauch reagierte.

Vielleicht als ich mit drei Jahren den anderen Kindern auf dem Spielplatz vor unserem Haus erzählte, dass meine Eltern sich so laut anschreien und die Türen zuschlagen.

Und mein Vater, der es wohl vom Balkon gehört hatte, mir sagte, dass ich das doch nicht erzählen soll.

Da war es, das Gefühl im Bauch. Ich habe danach lange auf der Schaukel gesessen, mich hoch in den Himmel geschwungen und dabei gesungen, um dieses Gefühl wieder loszuwerden

Im Lauf der Jahre hat es sich immer wieder und immer öfter gemeldet.

Wenn ich nachts mit Klemmlampe unter der Bettdecke lag, mich in die Welt meiner Bücher versenkte – und dabei die Decke Brandlöcher bekam.

Als meine Eltern sich trennten, ich elf Jahre alt war und meinen Vater besuchen wollte.

Meine Mutter nur den Kopf schüttelte und sich umdrehte und ging, Da war es auch da – dieses Fehlergefühl, weil alles was ich jetzt tat, nur falsch sein konnte.

Dieses unbeschwerte Gefühl des kleinen Kindes wurde immer weniger. Die Instanz in mir, die beobachtete, ob ich einen Fehler machte und für die unguten Gefühle sorgte, trat immer öfter auf den Plan.

 

 

Fehler sollten als Teil der Entwicklung gesehen werden

Und ich war erstaunt, als ich als Erwachsene feststellte, dass es vielen Menschen so geht. Die Angst, etwas falsch zu machen, nicht richtig oder gut genug zu sein.

Für viele ein Lebensgefühl, das bremst und blockiert und einem den Zugriff auf die Neugier und die Freude am Ausprobieren nimmt.

Manchmal glaube ich, dass meine Eltern sich schon als lebende Fehler in dieser Welt gefühlt haben. Dann den Fehler machten, viel zu früh und ungeplant Eltern zu werden.

Da wird auch für das Kind jeder Fehler zu einer existenziellen Frage. Bin ich gut genug, bin ich liebenswert, darf ich da sein, bin ich eine Last?

Fehler machen sollte als Teil der Entwicklung gesehen werden, als Fortschritt auf dem Weg.

Ein Fehler sollte wie ein Stück Treibholz auf dem Meer der Liebe und des Mitgefühls sein, in dem Eltern und Kinder durch den Alltag schwimmen.

Aber viele Menschen erleben es so, dass das Meer der Liebe durch einen Fehler vergiftet wird. Bedrohliche Fluten, die einen zu verschlingen drohen.

 

 

Perfektion erzeugt Distanz – aber Menschen brauchen Nähe und Verbundenheit

Dabei gehört das Unperfekte und Fehlerhafte zum Leben dazu. Menschen haben die Vorstellung von einer mathematischen Perfektion entwickelt. Bei der alle Ecken und Kanten gleich berechenbar sind.

Aber Menschen kann man in keine Gleichung packen. Gerade dann, wenn wir Mitgefühl mit einem Menschen haben, weil er verletzlich ist und ein Gefühl der Verbundenheit braucht – gerade dann spüren wir, wie die Liebe zu fließen beginnt.

Und nicht dann, wenn ein Mensch auf uns einen perfekten Eindruck macht.

Wir können ihn bewundern und uns von ihm inspirieren lassen.

Aber in den seltensten Fällen werden wir uns mit ihm verbunden fühlen, ein warmes Gefühl im Herzen haben.

Menschen, die wir als verletzlich und unperfekt erleben, können wir viel leichter in unser Herz schließen, als die scheinbar perfekten.

Perfektion erzeugt Distanz. Die Menschen, die mir, nahe sind, haben die gleichen Ängste und Sorgen wie ich, mit ihnen kann ich meine schmerzlichsten Erfahrungen teilen. Die, die wissen, was lähmende Selbstzweifel bedeuten oder die Angst zu versagen kennen.

Sich auf der Herzensebene zu begegnen heißt für mich, den Anderen mit seinen Verletzungen, Wunden und Narben des Lebens sehen zu können. Und ihm mein Mitgefühl zu schenken.

Dann darf auch ich ein Stück über mich hinauswachsen und meine eigenen Begrenzungen verlassen.

 

Scham lähmt uns – und Verletzlichkeit ist der Schlüssel in die Freiheit

Das Gefühl, dass uns nach einem Fehler so lähmt ist ein sehr starkes: Es ist Scham. Wir sind beschämt.

Um dieses Gefühl zu vermeiden, ziehen wir uns immer mehr zurück, suchen nach Strategien, wie wir uns vor Beschämung und dem Gefühl der Verletzlichkeit schützen können.

Aber in einem Interview mit der Welt sagte die Schamforscherin Breene Brown:

„Verletzlichkeit ist der Schlüssel zu allem, von dem wir mehr wollen: Freude, Intimität, Liebe, das Gefühl von Zugehörigkeit, Vertrauen.

Gleichzeitig sind wir nicht bereit, die Rüstung abzulegen und zu zeigen, wer wir wirklich sind, unsere Ängste und Träume, weil wir fürchten, man könne all das als Munition gegen uns verwenden.“

Wir alle haben schon erlebt, dass unsere Fehler als Munition gegen uns selbst verwendet wurden. Viele haben von den Eltern abwertende Bemerkungen gehört – und waren zutiefst beschämt.

Wir sind beschämt, wenn wir das Gefühl haben, wir sind nicht in Ordnung. Und bemühen uns, perfekt und damit unangreifbar zu sein.

Und merken dabei, der Versuch, perfekt sein zu wollen, ist wie eine Zwangsjacke, die uns unsere Bewegungsfreiheit nimmt, uns einengt, die Luft abschnürt.

Wir fühlen uns in uns selbst gefangen, weil wir die Kontrolle behalten wollen.

Aber wir können das Leben nicht kontrollieren. Und dürfen der Erkenntnis Raum geben: Auch wenn ich Fehler mache, bin ich nicht fehlerhaft. Sondern wunderbar unperfekt – und immer liebenswert.

Was ich noch für dich habe:

Auf meinem Blog: Möchtest du wissen, wie du die innere Zwangsjacke ablegen kannst und auch in Krisen wieder in deine Mitte findest? Dann lies meinen Blogbeitrag:Resilienz, die Hornhaut auf der Seele“ – einfach hier klicken. 

Herzliche Grüße

Portrait Alexandra Cordes-Guth

Alexandra Cordes-Guth Logo 

Alexandra Cordes-Guth begleitet Menschen mit viel Wertschätzung und Empathie
auf dem Weg ihrer beruflichen und persönlichen Veränderung und Entwicklung.

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5 Kommentare

  1. Vielen Dank für den sensiblen Blogartikel, Alexandra. Das Streben nach Perfektion ist ein Irrweg, das kenne ich auch sehr gut. So wahr – wenn wir die Macht unserer Verletztlichkeit spüren und akzeptieren, können wir uns aus alten Zwangsjacken befreien.

  2. Danke für diesen starken und ehrlichen Artikel, Alexandra!
    Es ist sooo wichtig, in unserer auf Perfektion, Leistung und Gewinnen ausgereichtet Gesellschaft diese wertvollen zwischenmenschlichen Qualitäten in die Aufmerksamkeit zu holen.

  3. Liebe Christine, ich glaube, das Streben nach Perfektion können wir nur erkennen und aufgeben, wenn wir im Austausch mit anderen Menschen sind und erkennen, dass wir alle unperfekt sind. Und uns damit offen und ehrlich zeigen. Und damit unserer Verletzichkeit Raum geben.
    Liebe Grüße
    Alexandra

  4. Liebe Dagmar Ruth, ja – und es ist so schön, dann die Verbundenheit zu spüren und die Nähe, die die entsteht, wenn man sich ehrlich zeigt. Es ist wie eine Welle, die viel in Bewegung bringt und einem ein Gefühl der Lebendigkeit schenkt. Und ich freue mich immer wenn ich dazu beitragen kann, dass Austausch und Begegnung entsteht und diese wertvollen Qualitäten sichtbar werden. Wenn es nichts mehr zu verstecken gibt und unsere Ecken und Kanten und unsere verletzliche Seite einfach Teil unseres Menschseins wird.
    Liebe Grüße
    Alexandra

  5. Liebe Alexandra, liebe alle,

    herzlichen Dank für diesen so wunderbaren Text über ein solch‘ elementares Thema!
    Das berührt mich sehr – zum einen, wie du aus deinem Leben, deiner Kindheit schreibst, zum anderen, wie weise und klug du Impulse schenkst. Und in der Tat verhält es sich so: Je brüchiger und verletzlicher wir uns zeigen, uns Fehler ein- und zugestehen, umso mehr Nähe und Intimität entstehen. Ein großer Gewinn für alle Beteiligten. Sich verletzlich zeigen ist auch eins meiner essentiellen Themen, über die ich schreibe. Hier werde ich beschenkt mit besonders viel Mitgefühl und Resonanz. Alles Liebe, Carolin

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