Depressionen heilen durch die Kraft der eigenen Wurzeln

01 November 2020 | 1 Kommentar

Mit einer großen Schleife im langen Haar schaut sie mich auf dem Foto an und ich frage mich, was sie damals gedacht hat. Sie hält eine Zeitung in der Hand und hat sicher noch viele Träume für ihr Leben gehabt. Ich habe sie nie kennengelernt, meine Großtante Anna-Elisabeth, die ältere Schwester meiner Oma.Von der ich lange nicht wusste, dass ihr Schicksal mit meinem verbunden war und meine Depression ein Teil ihres Schmerzes gewesen ist.

Ein Foto in Brauntönen, wie aus einer anderen Welt. Schon als Kind habe ich am Kaffeetisch meiner Oma immer wieder von ihrer Geschichte gehört, mir nichts dabei gedacht, weil damals zwanzig Jahre nach dem Krieg viele traurige und schreckliche Geschichten scheinbar normal waren.

Die alten Männer mit ihren Kriegsverletzungen, die Frauen, die vom Hunger erzählten und den Bombenangriffen, die Brüder, die an der Front waren und nicht zurückkamen, die Geschwister, die auf der Flucht starben.

Diese Erzählungen gehörten zu meiner Kinderwelt dazu und ich konnte damals noch nicht ahnen, wie viel Leid siie mit sich gebracht hatten.

 

Das verschwiegene Schicksal

Erst Jahrzehnte später wurde für mich deutlich, welcher Schmerz und welche Ohnmacht in diesen Geschichten verborgen war. Was der Krieg und seine zerstörerische Kraft für die Menschen mit sich gebracht hatte. Und erst als erwachsene Frau erfuhr ich vom Schicksal meiner Großtante Anna-Elisabeth.

Sie war die älteste Schwester meiner Großmutter. Sie erzählte uns, dass Anna-Elisabeth als junge Frau vergewaltigt wurde, darüber psychisch erkrankte und so sagte man damals hinter vorgehaltener Hand, in eine Irrenanstalt kam.

Irgendwann kam dann ein Brief, in dem stand, dass Anna-Elisabeth an einer Lungenentzündung gestorben sei. Wenn meine Großmutter über das Schicksal ihrer Schwester sprach spürte man ihre Traurigkeit, aber auch eine gewisse Beschämung.

Lange blieb die Geschichte meiner Großtante für mich wie in einer Schublade verschlossen. Es gibt nur dieses eine Foto von ihr. Man sieht sie dort, etwas zwölfjährig, zusammen mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern. Ein hübsches Mädchen, das etwas schüchtern und mit wachen Augen in die Kamera schaut.

Dieses Foto hat meine Großmutter immer aufbewahrt. Aber gesprochen hat kaum jemand aus der Familie über Anna-Elisabeth.  Erst später, durch die Arbeit meiner Schwester, die sich in Gedenkprojekten engagiert, wurde uns als Kriegsenkeln klar, dass auch unsere Großtante eines der Opfer der Nationalsozialisten war.

 

Die Wahrheit kommt ans Licht

Auf Initiative meiner Schwester und meiner Cousine bemühten wir uns darum, dass ein Stolperstein für sie verlegt wird. Wir sind wahrscheinlich die letzte Generation in der Familie, die die Geschichte von Anna-Elisabeth vor dem Vergessen bewahren konnte.  Während der Recherche zu ihrem Schicksal tauchten Dokumente auf, die uns deutlich machten, wie sehr sie gelitten hat.

Im Jahr 1928 im Alter von 21 Jahren wurde meine Großtante von ihrem Dienstherrn vergewaltigt. Sie hatte den Mut dies öffentlich zu machen.Daraufhin wurde sie von ihrem Vergewaltiger wegen Verleumdung angezeigt. Noch im gleichen Jahr kam sie mit der Diagnose Schizophrenie in eine der damals sogenannten Heilanstalten.

Ob diese Diagnose der Wahrheit entspricht, wissen wir nicht. Damals wurden Frauen, die sich gegen Unrecht wehrten häufig als geisteskrank bezeichnet.Bis zu ihrem Tod mit 36 Jahren verbrachte Anna-Elisabeth fünfzehn Jahre in verschiedenen Anstalten im Rheinland. In den Akten konnten wir detaillierte Aufzeichnungen über ihren damaligen Zustand finden.

So wurde zum Beispiel 1938 geschrieben: „Sehr unruhig, läuft dauernd umher. Versucht, die anderen Patienten aus den Betten zu ziehen. Zur Ordnung gemahnt, verspricht sie gleich artig zu sein. Nahrungsaufnahme gut

Im letzten Eintrag vom 8.Mai 1943 ist zu lesen: „Unter fortschreitendem Verfall der Körperkräfte Husten, Auswurf mit Fieber. Heute Exitus Letalis. Todesursache: Lungentuberkulose bei Schizophrenie. Dieser Tag wurde meine Urgroßeltern als Todestag genannt.

Jetzt liegt in Düsseldorf vor dem Haus in dem Anna-Elisabeth als Kind gelebt hat, ein Stolperstein, der an sie und ihr Schicksal erinnert. Und sie ist ein unvergessener Teil unserer Familie.

 

Ein Schicksal bekommt seinen Platz – und eine Depression darf gehen

Vor zwanzig Jahren habe ich in einer Familienaufstellung erlebt und verstanden, dass sie ein schweres, schlimmes Schicksal hatte. Ich begann zu ahnen, dass ich nur die Oberfläche der Geschichte kannte.

Durch die Begegnung in der Aufstellung wurde die Wucht und Schwere ihres Weges für mich spürbar. Und ein eigenes schmerzliches Thema in mir durfte sich lösen. Eine Depression, die mich jahrelang begleitet hatte, konnte gehen. Schon kurz nach der Aufstellung, nachdem sie einen Platz in unserer Familie kam und der Schmerz und das Leid einen Platz bekam, änderte sich mein Leben ins Positive und meine Depression durfte Stück für Stück gehen.

In der Systemischen Therapie ist es wichtig, denen in der Familie, die ein schweres Schicksal hatten, einen guten Platz zu geben. Sie zu würdigen. Sie nicht einfach zu vergessen. Das wollten wir für Anna-Elisabeth, unsere Großtante tun.

Viele Jahre war mir nicht klar, welches Schicksal die hübsche junge Frau auf dem Foto hatte. Was sie erleben musste. Und nach den Schrecken des Krieges wurde nicht mehr darüber gesprochen. Die Kriegsgeneration war so traumatisiert, dass diese Themen vermieden und ausgeblendet wurden.

 

Transgenerationale Traumata und fehlende Bindung

Vielleicht fragst du dich, warum es Sinn macht, sich mit diesen Geschichten jetzt noch zu beschäftigen. Es ist doch schon so lange her. Und hat mit mir nichts zu tun.

Das habe ich vor 20 Jahren noch gedacht. Inzwischen weiß ich, dass transgenerationale Traumata gibt.

Die Autorin Beate Kriechel schreibt: „Unverarbeitete Traumata haben weitreichende Folgen. Sie wirken sich nicht nur auf das Leben der Betroffenen aus, sondern prägen auch in Friedenszeiten die Familien und die gesamte Gesellschaft, oft über Generationen hinweg. Doch es ist nie zu spät, das Schweigen zu brechen und alte Wunden zu heilen.“

 

Wenn fehlende Bindung das Leben prägt

Einer der wichtigsten Punkte im Zusammenhang mit transgenerationalen Traumata ist die fehlende Bindung, die dann oft von Anfang an das Leben prägt und einem Kind das Gefühl vermittelt, dass es nicht liebenswert ist, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Die Psychotherapeutin Manuela Unterleitner sagt dazu:Transgenerative Übertragungen bedeuten immer eine Weitergabe von Beziehungs- und Bindungstraumata. Wenn man selbst keine sichere Bindung erleben durfte, werden unsichere Bindungsstile weitergegeben.

Schwierig wird es, wenn die Mutter traumatisiert ist. Dann ist sie mit ihrem eigenen Thema zu beschäftigt, um diese „genügend gute Feinfühligkeit“, die man für die sichere Bindung braucht, zu entwickeln.

Der Säugling versteht natürlich nicht, was dahintersteckt, sondern denkt, an ihm sei etwas falsch. Der „Fehler“ wird dann ins eigene Selbst des Säuglings integriert und das Trauma, das eigentlich die Mutter erschüttert hat, wird vom Kind als sein eigenes aufgenommen.

Aber auch von den Vorfahren können Traumata weitergegeben werden. Wenn zum Beispiel die Großmutter eine Totgeburt hatte, in der Familie aber nie darüber gesprochen wurde, kann dieses unbearbeitete Trauma nachwirken und sich auf die Bindungsfähigkeit der nächsten Generationen auswirken – die Angst wird übertragen, weil das Trauma nicht bewusst aufgearbeitet wurde.

Sobald man es aufarbeitet und versteht, löst sich das Thema auf. Sonst wird es immer von Generation zu Generation weitergegeben. Die eigene Geschichte prägt uns immer, aber die Frage ist, wie man damit umgeht. Nimmt man sein Schicksal bewusst in die Hand, unterbricht man die Spirale.“

 

Dem Schicksal einen Platz geben und Wachstum möglich machen

Es geht nicht darum, im Leid der Familie zu erstarren. Es geht darum, es zu würdigen, ihm einen Platz zu geben, es nicht einfach zu vergessen. Dann kann sich auch in uns etwas lösen und Heilung geschehen. Und die inneren Kräfte kommen ins Fließen.

Denn wir Menschen sind vor allem Überlebenskünstler. Wir haben die Fähigkeit der Resilienz, des Wachstums auch nach unvorstellbar schweren Zeiten.

Neben der Schwere und dem Leid gibt es auch unglaublich viele Ressourcen in jeder Familie. Für mich war es in meiner Ausbildung zur systemischen Therapeutin ein ganz neuer Blick auf meine Eltern und Großeltern.

Ich schaute darauf, welche Stärken und Fähigkeiten in ihnen und ihren Lebensgeschichten steckten. Was sie in ihrem Leben geschafft hatten. Das stärkte mich selbst und ich spürte eine ganz andere Kraft in den Wurzeln meiner Familie.

Denn unsere Familie ist die Wurzel, aus der wir kommen. Mit allem was ist. Mit dem Guten, dem Leid, dem Schmerzlichen und Schicksalhaften. Aber auch mit dem Kraftvollen, dem Lebendigen, dem Wachstum, dem Schönen und Guten.

Wenn wir alles anschauen und ihm einen Platz gegeben, können wir Frieden damit schließen. Und die Kraft der Wurzeln in unser Leben fließen lassen.

 

Schreibübung Kraft der Ahnen

Wenn du dich mit Kraft deiner Wurzeln verbinden möchtest, dann kann es sehr hilfreich sein, ein eigenes Genogramm, eine Art Stammbaum zu machen. Eine Anleitung dazu findest du hier: http://www.famili.de/download/arbeit-mit-genogramm.pdf

Es reicht, wenn du in diesem Genogramm deine Eltern, ihre Herkunftsfamilie, und wenn möglich noch die Herkunftsfamilie der Großeltern einbeziehst. Also drei Generationen.

Erstelle das Genogramm wie in der Anleitung beschrieben. Wenn du wenig Informationen hast, dann schau, wenn du noch fragen kannst. Sonst reicht auch das, was du weißt.

Nimm die ein Blatt Papier und schreibe zu jeder Person auf, welche Stärken und Fähigkeiten sie hat oder hatte. Also ganz bewusst nicht auf die Schwächen und Fehler.

Dann nimmst du ein weiteres Blatt Papier und schreibst 20 Minuten auf, wie dich all diese Stärken und Fähigkeiten in deinem Leben unterstützen können, was du selbst mit ihnen vielleicht schon erreicht hast und wie und wo du ihnen noch mehr Raum geben kannst.

Wenn du magst, dann male zum Abschluss einen Baum mit tiefen Wurzeln. Schreibe an die Wurzeln die vielen Stärken und Fähigkeiten. Und lass aus den Ästen und Blättern all das Gute wachsen, was in deinem Leben schon mit dir und durch dich entstanden ist.

 

Buchtipp

Wenn du mehr über die Geschichte deiner Familie und die Zusammenhänge mit deinem Schicksal wissen möchtest, kann ich dir dieses Buch empfehlen:
Mechthild Batzke – Aus Liebe verrückt.

 

Danke an meine Schwester und meine Kusine – zwei starke Frauen

Ich möchte meiner Schwester Natascha danken, die die Idee hatte, den Stolperstein für unsere Großtante verlegen zu lassen. Und meiner Kusine Nicole, die in die Archive gegangen ist, um die Dokumente über das Schicksal für uns zu bekommen und so den Stolperstein beantragen zu können.

Ich wünsche dir, dass du die Kraft deiner Wurzeln für dich entdecken kannst und denen, die ein schweres Schicksal in deiner Familie hatten, einen guten Platz geben kannst. Dann kommt die Liebe ins Fließen und das Leben verwandelt sich auf magsiche Weise.

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1 Kommentar

  1. Liebe Alexandra,
    vielen Dank für diesen tollen Artikel. Ich habe ihn in meinem Blogartikel über Depressionen verlinkt (https://blogphysioenergie.wordpress.com/2018/04/06/depressionen-2-0/).
    Interessanterweise habe ich es in meiner Praxis im Moment vermehrt mit versteckten Traumata zu tun, die in der Kriegsgeneration ihren Ursprung haben. Geht Dir das ähnlich?
    Herzliche Grüße aus Hamburg

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  1. Depressionen 2.0 – Inge Schumacher - […] Cordes-Guth Depressionen, heilen durch die Kraft der eigenen Wurzeln hat einen sehr persönlichen Artikel darüber geschrieben wie wichtig familiäre…

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