Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich, wie sich die Bäume im Wind wiegen und langsam ihre Blätter zur Erde fallen lassen. Viele Tage des Jahres liegen schon hinter uns. Viele Erfahrungen und Erlebnisse, Begegnungen und kostbare Momente reihen sich wie Perlen auf einer Kette aneinander.

 

Das Energiefeld des Empfangens

Mir fiel heute ein, dass ich mir zu Beginn des Jahres das Ziel “Empfangen dürfen” aufgeschrieben hatte.

Vielleicht hattest du auch Ziele oder Wünsche, die dich durch das Jahr begleiten sollten. Dann ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um dich noch einmal mit ihnen zu verbinden und zu schauen, wo in deinem Leben sie sich gezeigt haben.

Für mich fühlt es warm und tröstlich an, in dieses Energiefeld des Empfangen-Dürfens einzutauchen. Den Gedanken zuzulassen, dass ich wie ein Gefäß bin, das nicht von sich aus voll werden muss, sondern gefüllt und erfüllt wird. Auszusteigen aus dem Gefühl, alles machen zu müssen, alles im Blick und unter Kontrolle zu haben. Zu wissen, dass ich das Ziel auch mal aus den Augen verlieren darf, mich treiben lassen kann. Und darauf vertrauen, dass meine Intuition sich zum richtigen Zeitpunkt meldet.

 

Empfangen und die Schutzhaut ablegen

Wenn ich empfangen will, muss ich mich öffnen. Die Schutzhaut ablegen. Das Verschlossene weich und durchlässig werden lassen. Vieles in uns ist durch alte Glaubensmuster verhärtet und verschlossen. Wenn wir uns auf empfangen stellen, öffnen wir uns der Fülle im Leben. Vertrauen darauf, dass wir uns beschenken lassen dürfen.

Der erste Schritt hin zum Empfangen ist das Loslassen. Klingt in der Theorie immer so leicht. “Klar lass ich den alten Kram los”, sagt eine entschlossene Stimme in mir. “Aber eigentlich ist es im Moment doch nicht so schlecht – und wer weiß, was dann kommt”, sagt eine andere Stimme in mir. Und es melden sich Sorgen und Befürchtungen, dass nach dem Loslassen die Leere und das Nichts kommen könnten.

Aber wer loslässt, hat zwei Hände frei. Neues empfangen wollen aber bloß nichts loslassen – das wird blitzschnell zu einer unlösbaren Aufgabe. Weil das Empfangen und das Loslassen zwei Seiten einer Medaille sind. Es gibt das Eine nicht ohne das Andere. Wie Tag und Nacht, Sonne und Mond. Das ganze Leben ist ein Prozess des Loslassens und Empfangens.

In das Loslassen einzutauchen kostet meist Überwindung. Es fordert uns auf, aus der Komfortzone herauszukommen und uns auf das Wagnis des Lebens einzulassen. Weil es keine Garantie gibt, was nach dem Loslassen kommt.

 

Der Absturz nach dem Loslassen und die eigenen Dunkelheiten

Als ich 30 geworden bin, habe ich mich von meinem Freund getrennt. Wir waren sechs Jahre zusammen, es war eine schöne Zeit, er ein liebevoller Mann. Aber etwas fehlte und ich überlegte lange, ob ich bereit wäre, diese Beziehung noch mal loszulassen. Raus aus diesem scheinbar sicheren Hafen der Vertrautheit. Ich habe lange gebraucht. Und dann ging es nicht mehr anders. Ich trennte mich und schaute mutig nach vorne.

Bis der Absturz in die Depression und die Einsamkeit kam. Ich fühlte mich verloren und allein, vermisste ihn schrecklich. Aber er hatte schon nach ein paar Wochen eine neue Partnerin. Es gab kein Zurück. Und ich fiel in die Leere, in uralte Schmerzen des Verlassenwerdens, des Nichtgewollt-Seins. Damals wusste ich noch nicht, dass das die Gefühle meines inneren Kindes waren, die über mir zusammenschlugen und mich lähmten.
Wenn du etwas über das innere Kind, den wichtigsten Menschen in deinem Leben lesen möchtest – hier.

Es war eine Zeit des Aufbruchs und des Schmerzes. Ich fasste den Mut, meine Heimatstadt Frankfurt zu verlassen und zog nach Ravensburg. Ganz allein. Fing meinen Job als Spieleredakteurin an. Mit vielen Herausforderungen und Inhalten, die mir als Pädagogin fremd waren. Musste meine Komfortzone verlassen, an mich selbst zu glauben. Wenn ich zum Beispiel mit Kalkulationen und Grafik-Briefings arbeitete, die völliges Neuland für mich waren.

Es gab Situationen, in denen ich mich fragte, warum ich eigentlich so mutig, ja fast leichtsinnig gewesen bin. Wenn ich mit meinem Schulenglisch Präsentationen vor den ausländischen Kollegen halten musste. Oder mit dem Controller über die Kosten der geplanten Ausstattung für ein Spiel diskutierte. Aber ich wuchs mehr und mehr in mein neues Leben und meine neue Aufgabe hinein und empfing eine Fülle neuer Erfahrungen, begegnete vielen netten Kollegen, wurde auf Spieleabende eingeladen, fuhr am Wochenende mit Freunden zum Skifahren oder Wandern. Und konnte jeden Tag von meinem Büro aus die Berge sehen.

Aber es gab auch immer wieder Dunkelheiten. Jahr für Jahr verging, meine Schwester, meine Freundinnen und Freunde heirateten und gründeten ihre Familien. Ich war immer noch allein. Und wünschte mir so sehr meine eigene Familie. Immer wieder musste ich loslassen. Wusste nicht, ob sich dieser Wunsch erfüllen würde.

 

Loslassen und Wurzeln in mir selber schlagen

Prozesse des Loslassens machen uns bewusst, dass es kein endgültiges Ankommen gibt. Sondern immer wieder Aufbrüche und Umbrüche auf uns warten. So wie ein Samenkorn als Pflanze aus seiner Schale herauswächst, durch die Erde, der Sonne und dem Leben entgegen. Seine Blätter ausstreckt und Blüten entfaltet. Und wenn es Zeit ist, wieder verblüht und neue Samenkörner in der Erde versenkt, die etwas Neues hervorbringen.

Auch mein langes Loslassen hat viele Aufbrüche und Umbrüche mit sich gebracht. Es waren ganz wunderbare Aufbrüche dabei. Weil ich alleine war, habe ich jede Menge Menschen kennengelernt, mich vielem geöffnet, das ich sonst nicht entdeckt hätte. Die Zeit des Alleinseins brachte mich näher zu mir selbst.

Mein Leben war oft sehr erfüllt, ich durfte nach dem Loslassen auch viel empfangen, wurde reich beschenkt. Jahr für Jahr wuchs ich in meine neue Heimat hinein. Schlug Wurzeln in mir selbst und nahm die Konfrontation mit meinen Ängsten, Zweifeln und inneren Grenzen an. Um sie Stück für Stück zu erweitern. Über mich selbst hinauszuwachsen.

 

Durch das Loslassen uns selbst entgegenwachen

Es wird für mich immer leichter. Weil in mir die Erkenntnis und das Vertrauen ist, dass das Leben in einem ewigen Verwandlungsprozess ist. Sich diesem Prozess entziehen zu wollen heißt auch, sich um seine eigene Lebendigkeit und sein Wachstum zu bringen. Mit jedem Loslassen wachsen wir uns selbst ein Stück weiter entgegen. Und da ist meist so viel mehr, als wir uns vorstellen können.

Nach meiner Trennung durfte ich meiner Berufung als Therapeutin entgegenwachsen. Durch meine eigenen Dunkelheiten und die Erfahrungen, die ich damit gemacht habe, konnte ich für mich vieles er-lösen. Und Menschen dabei begleiten, diesen Weg auch für sich zu gehen. Sich zu befreien von alten Verstrickungen, Glaubenssätzen, Begrenzungen – und vor allem dem negativen Bild von sich selbst, dem unablässigen Dialog mit dem inneren Kritiker.

Durch das Loslassen und die innere Haltung des Empfangens verändert sich der Blick auf uns selbst. Er wird weicher und liebevoller. Der innere Kampf wird weniger. Und das ist wohl das größte Geschenk: Dass wir die alten kritischen und bewertenden Bilder von uns nicht mehr brauchen. Sie loslassen können um immer mehr von unserem wahren, liebenswerten, unperfekten, wunderbaren Ich in uns zu entdecken.

Auch dieses Jahr durfte ich vieles loslassen. Und immer mehr Empfangen. Vor allem durfte ich alte Begrenzungen und Bilder von mir selbst loslassen. Mich reich beschenken lassen mit der Wertschätzung und der Dankbarkeit vieler Menschen, die ich begleiten darf.

Wo hast du dieses Jahr Prozesse des Loslassens durchlaufen und dabei Neues empfangen? Welche Verwandlung hast du dabei mit und in dir selbst erlebt?

Ich wünsche dir gerade in dieser erfüllten Herbstzeit, dass du in dir die Energie des Empfangens erleben kannst. Und mit Vertrauen loslässt, was dir nicht mehr dient.

Herzliche Grüße



 

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