Ich bin elf Jahre alt. Ein kleines Mädchen in Jeans und T-Shirt, mit kurzen verstrubbelten Haaren, das am liebsten über die Mauern in der Nachbarschaft klettert und so oft wie möglich in seinen Büchern abtaucht. Denn meine Zuhause ist für mich wie ein Minenfeld. Ich weiß nie, was dort als nächstes passiert. Wann die nächste Explosion unser Zusammensein erschüttert.

Draußen scheint die Sonne und malt mit ihren Strahlen ein Lichtnetz in meinem Zimmer an die Wand. Aber da wo ich stehe, ist es dunkel. Meine Mutter sagt mir, dass mein Vater uns verlassen hat. Und zu einer anderen Frau gegangen ist. Mein Herz klopft, mein Magen zieht sich zusammen. Ich spüre die Wut meiner Mutter, sie schimpft über meinen Vater und ist außer sich.

 

Kein Platz für Gefühle

Ich halte meine eigenen Gefühle zurück. Ich weiß, dass sie nicht erlaubt sind, hier keinen Platz haben. Meine Traurigkeit, weil er einfach gegangen ist, uns allein lässt und ich ihm nicht wichtig bin. Meine Angst, ihn nie mehr wiederzusehen. Meine Scham, dass es meine Mitschüler erfahren. 

Ich muss allein mit diesen Gefühlen zurechtkommen. Bei meiner Mutter gibt es keinen Raum dafür. Sie kämpft selbst ums Überleben, hat Zukunftsängste, ist zutiefst verletzt. Weiß nicht, wie sie uns drei Kindern allein versorgen und durchs Leben bringen soll. Woher das Geld jetzt kommen wird. 

 

Die Welt nur noch durch einen Nebel sehen

In dieser Zeit meines Lebens habe ich gelernt, dass ich meine Gefühle zurückhalten muss, Ich habe gelernt, innerlich zu erstarren, nichts mehr zu fühlen. Die Welt nur noch wie durch einen Nebel wahrzunehmen. Mich abzuschneiden von meinem Gefühl der Lebendigkeit.

Ich war schrecklich einsam in dieser Zeit. Wollte niemand davon erzählen, hätte auch nicht gewusst, zu wem ich gehen soll. Es ging so weit, dass ich darüber nachdachte, mir das Leben zu nehmen. Weil ich mich so verloren und hilflos fühlte. Der Schmerz über den Verlust des Vaters, die ständige Überforderung und Wut meiner Mutter, Existenzängste. Und keinen Raum für meine Gefühle.

 

Die eigenen Gefühle ins Herz schließen

Zum Glück durfte ich Jahre später lernen und erleben, dass meine eingefrorenen Gefühle wieder fließen können und ich mich aus der inneren Erstarrung lösen kann. Dazwischen lag eine Depression, die meine Gefühle in einen grau Brei der Traurigkeit verwandelte.

Auf diesem nicht ganz einfachen Weg zu mir selbst lernte ich meine Gefühle wieder neu kennen. Ich lernte, dass ich sie annehmen und in mein Herz schließen darf. Gemeinsam mit meinem inneren Kind, das so viele Schmerzen in sich trug. Mit dem ich Stück für Stück lernte, mich wieder lebendig zu fühlen, das Leben in bunten Farben zu sehen.

Mein fürsorgliches, mitfühlendes und liebevolles Ich bekam immer mehr Raum in mir. Es half mir zu verstehen, warum ich mich von meinen Gefühlen abgeschnitten hatte und wie ich sie wieder neu in mein Leben einladen kann.

Meine inneren kritischen Stimmen wurden leiser, verstummten sogar manchmal. Und heute weiß ich, dass ich ein fühlendes Wesen bin und alle meine Gefühle da sein dürfen und Raum brauchen. 

 

Wie Gefühle entstehen und wie sie auf uns wirken

Erlaubst du dir, deine Gefühle zu fühlen? Welche bestimmen im Moment dein Leben? Sind es negative Gefühle oder positive? Und wie gut kannst du sie wahrnehmen und verstehen?

Es gibt wunderschöne Gefühle, die wir gerne täglich erleben würden. Und es gibt sehr schmerzliche und fürchterliche Gefühle, die wir lieber aus unserem Leben ausklammern würden. Aber wie entstehen Gefühle eigentlich und wie wirken sie sich aus?

Gefühle entstehen durch unsere Gedanken und wirken sich auf unseren Körper aus. Durch Mitgefühl und Zuneigung wird Oxytocin im Körper freigesetzt. Das Kuschelhormon.

Durch Ärger und Angst werden Cortisol und Adrenalin ausgeschüttet, die Stresshormone, die Energie und Kraft schenken – aber auch zu Anspannung und Schmerzen führen können, wenn sie durch zu viel Stress dauerhalft ausgeschüttet werden. 

Gefühle schenken uns Lebendigkeit, sie machen uns zu fühlenden Wesen, die Höhen und Tiefen durchleben können. Durch sie können wir spüren, wie wir mit uns selbst und der Welt in Kontakt sind, welche Themen uns beschäftigen.

Gefühle kommen und gehen. So wie unsere Gedanken kommen und gehen. Sie sind wie Meereswellen am Stand unseres Lebens, die manchmal Treibgut der Vergangenheit anspülen. Und dann wieder wunderschöne Muscheln, die wie kleine Wunder in unserem Bewusstsein angeschwemmt werden und uns mit Freude erfüllen.

 

Gefühle kommen und gehen

Kein Gefühl bleibt. Es verschwindet wieder im Ozean des Lebens. Wenn wir uns diesen Wellen hingeben und uns von ihnen tragen lassen, dann werden Gefühle ganz automatisch zu einem Teil unserer Lebendigkeit. Und verlieren ihren Schrecken, weil wir die Angst loslassen können, dass wir für immer in ihnen untertauchen.

Gefühle werden nur dann zu Problemen, wenn wir sie unterdrücken, festhalten und wenn sie unbewusst bleiben. Wenn wir uns überwältigt und ausgeliefert fühlen.

Sobald wir unsere Gefühle bewusst und achtsam wahrnehmen, fühlen wir uns ihnen nicht mehr ausgeliefert. Können sie so gleichzeitig integrieren, ihnen den Raum geben, den sie brauchen. Dafür ist Achtsamkeit im täglichen Leben eine wertvolle Hilfe.

 

Wenn Gefühle keinen Raum bekommen

Die Gefühlswelt unserer Kindheit hat eine stark prägende Wirkung auf unser Leben. Wenn diese Welt der Gefühle in unserer Kindheit bedrohlich oder lähmend waren, wird kein fruchtbarer Boden für unseren Umgang mit den eigenen Gefühlen gelegt. Es entstehen Überlebensstrategien, die die Gefühle von uns fernhalten sollen. Strategien, mit denen wir sie vermeintlich kontrollieren können. Stattdessen vergraben wir sie so immer tiefer in uns und spüren, wie sie in unserem Unbewussten rumoren.

Menschen, die nicht mehr fühlen, die sich keinen Ärger, keine Trauer erlauben, erkranken dann manchmal sogar an einer Depression. Denn Depression heißt, nicht mehr zu fühlen. Sich abtrennen von seinen Gefühlen. Von den schmerzlichen – aber leider auch den positiven und angenehmen.

Denn wir können nicht nur einen Teil der Gefühle ausschließen. Sie wollen alle zu uns kommen dürfen. Es gibt Situationen und Erlebnisse, da brauchen wir da Gefühl der Trauer: Wenn wir uns verabschieden müssen, wenn ein lieber Mensch gestorben ist. Ohne das Gefühl der Trauer gefriert ein Teil von uns innerlich zu Eis, erstarrt. Unsere Lebendigkeit wird eingeschränkt und reduziert.

Wir brauchen auch unseren Ärger und unsere Wut. Ärger ist Veränderungsenergie, die uns hilft, Grenzen zu setzen und für uns einzutreten. Auch wenn sich das nicht immer angenehm anfühlt.

 

Nichtfühlen als Überlebensstrategie

Für viele Menschen wird das “Nichtfühlen” zu einer Überlebensstrategie, um von den Gefühlen nicht überflutet zu werden. Sie habe ihre Gefühle als bedrohlich erlebt.  Bis hin zur Angst, die Gefühle nicht überleben zu können.

Manche Menschen neigen auch zur Rationalisierung. Sie analysieren ihre Gefühle, sie denken über sie nach, statt sie zu fühlen. Sie sind emotional nicht mehr erreichbar, verlieren den Kontakt zu sich selbst und schließlich oft auch den emotionalen Kontakt zu anderen Menschen.

Das führt dann oft zur sogenannten Somatisierung. Der Körper versucht an anderer Stelle auf die schmerzlichen Gefühle hinzuweisen, die nicht mehr gefühlt werden. Rückenschmerzen, Tinnitus, Reizdarm, Restlegs Legs  – in allem spricht der Körper seine eigene Sprache und weist auf die ausgeschlossenen Gefühle hin.

 

Die ADI Übung: So kannst du negative Gefühle in drei Schritten gehen lassen

Der 1. Schritt – Akzeptanz: Gefühle als Teil des Lebens akzeptieren.
Sage dir selbst: Gefühle gehören zu mir und zum Leben dazu. Ich akzeptiere, dass ich ein fühlender Mensch, ein fühlendes Wesen bin.

Der 2. Schritt – Durchatmen: Atem ist der Träger der Gefühle. Um Kontakt zu unseren Gefühlen aufzunehmen brauchen wir unseren Atem und unseren Körper.
Atme ganz bewusst drei Mal tief ein und aus. Lass dabei deine Schultern tiefer sinken. Atme bewusst durch den Herzraum bis in den Bauch. Lass deinen Atem fließen.

Der 3. Schritt – Innehalten: Schenke dir selbst für ein paar Minuten deine volle Aufmerksamkeit und halte die Welt für einen Moment an. Denn nur wenn wir innehalten, können wir uns selbst Halt geben.
Nimm dir ein Blatt Papier und schreibe auf, was sich zu den drei folgenden Fragen in dir meldet. Lass deine Eindrücke einfach aufs Papier fließen, aus dir heraus, schreibe aus dem Herzen, und lass den Verstand dabei leise werden.

1. Welche Gedanken melden sich gerade und welche Gefühle nehme ich wahr?
2. Was ist der Auslöser dafür? Was ist passiert, was fällt mir dazu ein?
3. Welcher positive liebevolle Gedanke (den mein fürsorgliches und liebevolle Ich zu mir sagen möchte) könnte mir jetzt helfen, mich trösten, mich stärken?

Durch diese drei Schritte schenkst du deinen Gefühlen und deinen Gedanken deine Aufmerksamkeit. Dadurch werden sie greifbar und verlieren an Energie. Und du begibst dich von der Seite eines verletzten inneren Anteils auf die Seite des mitfühlenden, verständnisvollen und weisen Anteils.

Ich wünsche dir, dass du den Mut hast, auch deinen negativen Gefühlen Raum zu geben. Damit sie gehen können, wenn es Zeit für sie ist.

Schreibe mir gerne in den Kommentar, wie es dir mit der ADI Loslass-Übung gegangen ist.

 

 

Herzliche Grüße

 

 

 

 

 

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