Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von deinen. Und wenn ich mich niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest du von mir mehr als von der Hölle, wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich stehen, wir vor dem Eingang der Hölle.

Franz Kafka

 

Die Depression klopfte in meinem Leben nicht leise an – sie kam wie ein Orkan über Nacht, der alle meine Zellen durcheinanderwirbelte, keinen Stein auf dem anderen ließ und mich in eine grauschwarze Dunkelheit katapultierte. In meine ganz persönliche Hölle.

Das alles hatte ich nicht geahnt, als ich mich mit Ende 20 von meinem Freund nach sechs Jahren Beziehung trennte. Zuerst war ich erleichtert und gespannt auf das Neue, das vor mir lag. Unsere Beziehung war eingefahren, fühlte sich an wie eine Sackgasse. Ich war froh, dass ich nach vielen Gesprächen und langem Nachdenken diesen Schritt gegangen war. Nach vier Wochen kam der Absturz und mit ihr die Depression.

 

Wie sich eine Depression anfühlt und einem im Griff hat

Manchmal fühlte sie sich wie ein Hund an, der mich anknurrte, die Zähne fletschte und kurz davor war, zuzubeißen. Alles in mir war angespannt, die Angst und Trauer tat mir körperlich weh, zog wie ein Vampir die Kraft aus meinen Knochen und Muskeln. Am liebsten wäre ich an manchen Tagen nur zusammengerollt im Bett geblieben, weil jeder Schritt, jede kleine Entscheidung eine Kraftanstrengung war. Die Welt sich bedrohlich und wie ein sehr unsicherer Ort anfühlte.

Ich lebte von Tag zu Tag, immer von der Frage begleitet, was für einen Sinn das Leben eigentlich hat und der ungeheuren Angst vor dem Alleinsein und einer tiefen Einsamkeit. Einer Einsamkeit, die sich anfühlte, als würde ich auf einem weit entfernten Planeten leben, dunkel, still und bedrohlich, von dem aus ich das Leben um mich herum nur wie hinter einer dicken Glaswand wahrnahm.

Mir wurde bewusst, dass jeder Mensch letztlich alleine ist. Kein anderer ihm seinen tiefsten Schmerz abnehmen kann. Wir können andere ein Stück begleiten, für sie da sein – aber tragen müssen sie ihr Schicksal selbst. Das ließ mich eine unglaubliche Trauer und Angst spüren, die manchmal fast grenzenlos war.

Ich konnte nichts mehr essen und wenn ich alleine war, fühlte ich mich wie in einem dunklen Nebel gefangen. Morgens beim Aufwachen lag der neue Tag wie ein Mühlstein auf meiner Brust, eine Last, von der ich nicht wusste, wie ich sie bis zum Abend ertragen sollte.

Ich ging zum Arzt und hoffte, dass er mir helfen würde, aus dieser bedrohlichen inneren Dunkelheit und Lähmung wieder herauszukommen. Er sah kaum auf, als ich vor ihm saß, verschrieb mir ein Antidepressivum, das nach 3-4 Wochen vielleicht wirken würde – und schickte mich wieder weg. Die Tabletten halfen nicht. Ich begann eine Therapie und verstand ein Stück weit, was mit mir passierte. Die Depression war für einige Jahre mein Begleiter, mal mehr, mal weniger – immer dicht an meiner Seite.

 

Depression – oft ist die Ursache ein Bindungstrauma

Heute weiß ich, dass mein eigenes Bindungstrauma durch die Trennung aktiviert wurde, wie eine Narbe, die die durch eine erneute Verletzung aufbricht.

Meine Eltern hatten früh geheiratet. Mein Vater war 20, meine Mutter 19. Sie kannten sich nur kurz, waren selbst den emotional kalten Elternhäusern erst entkommen, wollten in das eigene Leben gehen. Standen da und hatten auf einmal die Verantwortung für zwei Babys – denn ich kam mit meiner Zwillingsschwester zur Welt. Sie hatten kaum Geld, keine Unterstützung, waren miteinander überfordert.

Der Alltag mit uns beiden muss für sie wie eine Expedition zum Himalaya ohne Ausrüstung gewesen sein. In Sandalen und T-Shirt auf dem Weg zum Gipfel durch Eis und Schnee. Meine Mutter wurde trotz aller Liebe zu uns dieser doppelten Herausforderung oft nicht gerecht. Hatte selbst schon Depressionen gehabt, war voller Ängste und Selbstzweifel. Mein Vater das Kind geschiedener Eltern, sein eigener Vater ein Lebemann mit drei Ehefrauen. Es gab keine Stabilität in dieser jungen Familie. Jeder war in sich so instabil, wie ein Zelt mit gebrochenem Gestänge, das bei jedem Windstoß des Lebens einzubrechen oder wegzufliegen drohte.

Meine Mutter erzählte später, sie habe uns beide als Babys irgendwann allein zu Hause gelassen, weil sie nicht mehr ein noch aus wusste. Sei zum Bus gegangen um dem allen zu entkommen. Dann habe vor ihr ein Mann mit Glatze gesessen – da musste sie an die beiden kleinen hilflosen, glatzköpfigen Babys denken und kehrte wieder um.

 

Wackliger Boden oder stabile Bindung – und was wir für einen guten Start ins Leben brauchen

Unsere Eltern ließen uns oft nachts alleine, gingen mit Freunden weg und versuchten sich so etwas von der Freiheit zurückzuerobern, die sie nur so kurz erlebt hatten. Aus der sie durch unsere Geburt mit einem Schlag herausgerissen wurden. In eine enge und begrenzte Welt, die sich für sie wohl oft wie eine Zwangsjacke anfühlte, die ihnen keine Luft zum Atmen ließ.

Erst heute weiß ich, dass ein solcher Start ins Leben ein sehr wackeliger Boden für die eigenen Emotionen ist. Dass Babys eine stabile Bindung und sichere Umgebung brauchen, damit sie Vertrauen ins Leben und sich selbst bekommen. Um so die Fähigkeit zu entwickeln, sich selbst zu regulieren, damit sie ihren Emotionen nicht ausgeliefert sind.

All das war mir bei meinen Eltern nicht möglich gewesen. Sie hatten ihr Bestes gegeben. Aber da sie selbst auf einem sehr kargen emotionalen Boden aufwuchsen, waren ihre Fähigkeiten und Ressourcen als Eltern sehr begrenzt. Es gab auch Streit, Gewalt und Trennungen. Viele Höhen und Tiefen. Bis sie sich, als ich 11 Jahre alt war, endgültig trennten.

 

Das innere Kind auf der dünnen Eisschicht des Lebens – und was ihm hilft wieder Halt zu finden

Nach meiner eigenen Trennung wurden all diese Erfahrungen von Unsicherheit, Angst und Verlassenheitsgefühlen wieder hochgespült wie bei einer Überschwemmung. Nur konnte ich sie nicht zuordnen. Ich wusste damals noch nichts vom inneren Kind in uns, das in solchen Situationen unser Mitgefühl, unsere Liebe und Fürsorge braucht. Verstand nicht, dass viele Erfahrungen in meiner Kindheit dazu führten, dass das Leben wie eine sehr dünne Eisschicht war, auf der ich mich bewegte. Und durch die ich emotional sehr schnell einbrechen konnte.

Auf meinem Weg zu mir selbst lernte ich, dass es kein schnelles Patentrezept gegen eine Depression gibt. Das fiel mir schwer. Es gab Vieles, was ich ausprobierte, um aus dieser inneren Dunkelheit wieder herauszukommen. Jeder Schritt brachte mich näher zu mir selbst.  Was ich auf diesem Weg durch meine systemische Ausbildung lernte: Die Dinge nicht ständig zu bewerten und ein liebevolles Selbstmitgfühl zu entwickeln.

Das Wichtigste auf meinem Weg waren Menschen, die an meiner Seite waren, bei denen ich einfach da sein konnte. Die mich spüren ließen, dass sie für mich da waren und mich liebten. Auch wenn sie selbst manchmal mit meiner Situation an ihre Grenzen kamen. Allen voran meine Zwillingsschwester, meine Familie und viele gute Freunde. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft. Wer in einer Depression ist, braucht vor allen Dingen das Mitgefühl anderer Menschen. Die stille Nähe und Wärme, die das innere Eis wieder zum Schmelzen bringt. Das Gefühl von Heimat auf einer scheinbar unendlich einsamen Welt.

 

Das Geschenk der Depression – eine kostbare Perle des Mitgefühls

Heute habe ich viel Werkzeuge, die mir helfen, wenn die dunkle Wolke der Depression über mir schwebt. Sie erinnert mich daran, in welche emotionalen Abgründe Menschen stürzen können und wie dunkel, schwer und schmerzlich das Leben sich dann anfühlt.

Ich kann die dunkle Wolke um mich herum wahrnehmen, meinem inneren Kind Sicherheit und Liebe geben und mich dann mit ihm wieder dem Licht in meinem Leben zuwenden. Ich weiß heute, wie Selbstregulation geht, was ich tun kann, um von meinen Emotionen nicht überflutet zu werden. Das war ein langer Weg, auf dem ich viel erlebt und erfahren habe. Und um vieles reicher wurde.

Eines der größten Geschenke für mich ist, dass ich andere Menschen als Coach und Therapeutin begleiten darf, die in einem emotionalen Abgrund sind und nicht wissen, wie sie da alleine wieder rauskommen. Ich kann mit ihnen fühlen und ihnen Mut machen, ihren Weg zu finden und ihre Werkzeuge der Selbstregulation zu finden und zu nutzen.

Der Schmerz der Depression hat wie in einer Auster eine kostbare Perle in mir hervorgebracht. Ein tiefes Mitgefühl für andere Menschen und ihrem Schicksal. Das möchte ich nicht missen, weil es mir eine Verbundenheit im Leben schenkt, die mich nie mehr einsam sein lässt. Und mir ein neues Verständnis von Heilung ermöglicht hat.

Heilung

Beim Heilwerden geht es darum,
unsere Herzen zu öffnen,
nicht sie zu verschließen.
Es geht darum, die Stellen in uns,
die die Liebe einlassen wollen,
weich zu machen.

Heilung ist ein Prozeß.
Beim Heilwerden schaukeln wir hin und her
zwischen den Mißhandlungen der Vergangenheit
und der Fülle der Gegenwart und
bleiben immer öfter in der Gegenwart,
Es ist das Schaukeln, das die Heilung bewirkt
nicht das Stehenbleiben an einer der beiden Stellen.

Der Sinn des Heilwerdens ist nicht
für immer glücklich zu werden,
das ist unmöglich.
Der Sinn der Heilung ist,
wach zu sein und sein Leben zu leben,
nicht bei lebendigem Leibe zu sterben.
Heilung hängt damit zusammen,
gleichzeitig ganz und zerbrochen zu sein.

~Gese Roth~

In diesem Sinne wünsche ich dir, dass du Heilwerden und Heilung da erleben darfst, wo du es gerade brauchst. Und die Perlen in deinem Inneren dabei entdecken darfst.


Mit herzlichen Grüßen

 

 

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