“Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es vorwärts.”
Sören Kierkegaard

Wenn sich ein Jahr dem Ende neigt, blicken wir oft zurück, halten inne und lassen die Ereignisse noch mal an uns vorüberziehen. Wir können sehen, wo wir gewachsen sind, was wir hinter uns gelassen und was wir Neues mitgenommen haben. Ich möchte Ihnen in diesem Blogbeitrag gerne von einem sehr persönlichen Erlebnis erzählen, das mich wieder gelehrt hat, mein Leben vorwärts zu leben und ihm so gut es geht, zu vertrauen.

 

Es kam anders als ich dachte

Mein Jahr war geprägt von der schweren Krankheit meines Vaters und seinem Sterben. Es war für mich eine schmerzliche Erfahrung, als ich ihn ins Hospiz zu begleitete. Vorher war dieser Ort des würdevollen Sterbens für mich etwas, das ich gut fand, eine theoretische Bereicherung. Und es war für mich klar, dass es für meinen Vater ein guter Ort sein würde, wenn der Tod näherkommt.

Aber es kam anders, als ich dachte. Mein Vater rief mich an und fragte, ob ich zu ihm nach Hamburg kommen könnte, um mit der Ärztin über diesen nächsten Schritt zu sprechen. Und ich fuhr mit dem Zug 900 Kilometer durch die Frühlingslandschaft, dankbar, dass ich jetzt bei ihm sein konnte. Es war schwer, ihn nach mehreren Monaten wieder zu sehen, von der Krankheit gezeichnet, dünn, kraftlos – und trotzdem noch so unendlich würdevoll und tapfer. Aber noch viel schwerer war es, ihm ein letztes Mal in seine Kleider zu helfen und ihn aus seiner Wohnung ins Hospiz zu begleiten. In dem Bewusstsein, dass jetzt ganz klar und deutlich der endgültige Abschied beginnt. Dass seine Wohnungstür sich das letzte Mal hinter ihm schließt und es keine Rückkehr mehr gibt.

 

Auf den Tod kann man sich nicht vorbereiten

Mein Vater war in persönlichen Dingen kein Mensch vieler Worte. Er war ein Kriegskind, ist selbst in einer Umgebung aufgewachsen, in der über die vielen schmerzlichen Gefühle nicht gesprochen werden konnte. Ich spürte seine Last und Anspannung. Und fragte mich, was er in diesem Moment fühlte und dachte. Seinen privaten Schutzraum zu verlassen, alles loslassen zu müssen, was zu ihm gehört. Und zu wissen, jetzt kann ich nichts mehr regeln, nichts mehr ordnen. Ich nehme noch ein paar Kleidungsstücke mit, ein paar liebgewordene persönliche Dinge – und fange an, mein Leben loszulassen.

Neben der Dankbarkeit, dass er in das Hospiz gehen konnte, meldeten sich in mir auch sehr schmerzliche Gefühle. Hilflosigkeit, weil ich selbst keine Worte für das fand, was gerade passierte. Angst, weil ich nicht wusste, was jetzt auf ihn zukam und wie ich ihm helfen kann. Auch Angst vor dem Loslassen als Tochter und dem Unabänderlichen. Nachdem uns noch einige Monate Hoffnung begleitet hatte und wir dachten, dass er mit seiner Vitalität und seinem Löwenmut dem Leben doch noch mehr Zeit abringen kann.

Mir wurde klar, dass man sich auf das Abschiednehmen und den Tod nicht vorbereiten kann. Wie auf so viele andere Ereignisse im Leben: Nicht auf die Liebe zu seinem eigenen Kind, die so unfassbar tief und überwältigend ist. Nicht auf den schmerzlich zerreissenden Augenblick einer Trennung nach langen Beziehungsjahren. Nicht auf den ersten Anblick eines mächtigen Berggipfels auf 2000 Meter Höhe, mit weiten Ausblicken und Glückgefühlen bis in die Fußspitzen.

Wir können immer in der Theorie über das nachdenken, was auf uns zukommt und uns so gut wie möglich darauf vorbereiten. So wie auf eine Expedition zum Nordpol. Wir können warme Kleidung und Navigationsgeräte anschaffen und uns überlegen, wie wir mit der Kälte dort zurechtkommen. Trotzdem wird die tatsächliche eisige Temperatur, das unendliche Weiß und die kalte Stille anders sein, als wir dachten.

Letztes Jahr im Herbst wollte ich mich auf den Tod und die Trauer über meinen Vater vorbereiten. Wollte alles richtigmachen und etwas tun, das es mir leichter machen würde. In einem Gespräch erkannte ich: Ich kann es nur geschehen lassen. Und den Gefühlen, die sich dann melden, erlauben da zu sein. Das hat mich entlastet, getröstet aber auch hilflos gemacht. Nichts tun zu können um sich auf den endgültigen Abschied und das Unbegreifliche vorzubereiten – das ist auch eine heilsame Kapitulation vor dem Schicksal und der wahren Größe des Lebens.

 

Wir können nur vorwärts leben

Es gab viele un-fassbare Momente auf seinem Weg in den Tod. Das Gefühl des “Geschehen-lassens” wurde immer stärker, war am Schluss fast wie eine Schulter zum Anlehnen. Zu wissen, ich kann nichts mehr tun – nur da sein. Und dem zustimmen, was jetzt geschieht.

Es gab auch unerwartet berührende und schöne Momente, wie bei der Seebestattung meines Vaters, die er sich gewünscht hatte. Gemeinsam mit meiner Familie fuhren wir auf die Ostsee, jeder ganz in Stille mit sich, über uns die milde Frühlingssonne, die das Wasser glänzen ließ. Und dann verdunkelte sich der Himmel genau in dem Moment, als die Urne im Meer versank – und es begann leise zu regnen. Diese Zeremonie war viel berührender, als ich es mir hatte vorstellen können. Verbunden mit der Weite des Meeres und dem Himmel über uns hatte es eine ganz andere Qualität als die Beerdigungen, die ich vorher erlebt hatte.

So ist es immer wieder: Wir können vorwärts leben, uns dem anvertrauen, was kommen wird – und uns überraschen lassen von der unglaublichen Vielfalt des Lebens. In der wir letztlich immer getragen sind, auch wenn unsere Gefühle uns zu überwältigen drohen.

 

Wo hat das Leben Sie aufgefordert, vorwärts zu leben?

Diesen Prozess erlebe ich auch mit den Menschen, die ich im Coaching und der Therapie begleite immer wieder. Das gemeinsame Reflektieren und Verstehen des Lebens, das hinter ihnen liegt. Und den Wunsch nach Sicherheit in der Zukunft – die es nicht geben kann und die uns auffordert, unser Leben vorwärts zu leben, im Hier und Jetzt zu bleiben und dem Leben zu vertrauen, so gut es geht. Das ist nicht immer leicht und kostet oft viel Kraft.

So wie eine Klientin von mir, die seit zwei Jahren mit einer schweren Auto-Immunerkrankung zu kämpfen hat und deren Ehe in dieser Zeit nach drei Jahrzehnten dieser Belastung nicht standgehalten hat. Verständlicherweise wünscht sie sich, dass all die schmerzlichen Gefühle, die sich jetzt melden, so bald wie möglich vorbei sind und hätte gerne eine Technik, mit der das geht. Aber sie sagte selbst: “Ich weiß, dass das nicht möglich und vor allem Zeit braucht.” Sie kann ihr Leben im Moment nur vorwärts leben und hoffentlich in einigen Monaten verstehen, was in ihr und um sie herum passiert ist.

Sicher gibt es auch in Ihrem Leben immer wieder Zeiten, die Sie nur so gut wie möglich vorwärts leben konnten. Mit Ängsten, Zweifeln und Widerständen. Aber vielleicht haben Sie im Rückblick auch ganz neue Einsichten und Erkenntnisse gewonnen.

Nehmen Sie sich doch dieses Jahr Zeit für Ihren ganz bewussten Jahresrückblick. Lassen Sie die Monate des Jahres an sich vorüberziehen, spüren Sie nach, wo das Leben Sie aufgefordert hat, vorwärts zu leben. Und was Sie daraus Neues gelernt haben. Vor allen Dingen über sich selbst. Schauen Sie, wo sie vorwärts gelebt haben – und es jetzt vielleicht rückwärts verstehen können.

Ich wünsche Ihnen viele gute Erkenntnisse bei Ihrem Jahresrückblick und einen friedvollen Abschluss
Herzliche Grüße

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