In dieses Jahr gehe ich mit der Gewissheit, dass mein Vater bald sterben wird. Es war ein schmerzlicher Moment, als mir Ende letzten Jahres bewusst wurde, dass es das letzte gemeinsame Weihnachten für uns sein wird. Die Endgültigkeit des Abschiedes, der uns bevorsteht, wurde für mich spürbarer. Vor fast einem Jahr bekam er seine Diagnose: Ein Gallengangs-Karzinom. Die Ärzte gaben ihm nur ein halbes Jahr – er hat mit viel Kraft und Willen diese Grenze überschritten. Und doch wissen wir, dass der Tod nicht mehr weit entfernt ist.

 

Die alte Sehnsucht

 

In diesen Monaten habe ich einige Phasen durchlaufen. Nach Traurigkeit und Verzweiflung kam ein tiefer Schmerz, den ich erst nicht zuordnen konnte. Er reichte weit zurück in mein Leben, bis in meine Kindheit. Bilder meines Familienlebens tauchten wie aus dem Nebel auf. Und der rote Faden der Sehnsucht legte sich über diese Bilder, verband sie alle mit einem Gefühl, das wie ein Grundton in meinem Leben zu hören ist. Manchmal nur sehr leise, aber immer da. Es ist die Sehnsucht nach einer heilen Familie, nach einer Heimat die mir Schutz bietet, in der ich mich geliebt und gehalten weiß. In der ich Nähe, Liebe und emotionale Unterstützung bekomme. Und auch die Sehnsucht nach Eltern, die ihr Glück in diesem Leben gefunden haben, das Leben miteinander teilen und genießen können.

 

Aber wie viele Menschen in meiner Generation erlebte ich eine emotionale Sprachlosigkeit und Unerreichbarkeit meiner Eltern. Und fühlte mich oft einsam und verloren.

 

Der Schlüssel des Verstehens – die Kriegsenkel

 

Erst vor einigen Jahren habe ich den Schlüssel des Verstehens für diese scheinbar aussichtslose Situation gefunden. Meine Geschwister und ich gehören zu den Kriegsenkeln. Wir sind Männer und Frauen der dritten Generation nach dem Krieg, geboren zwischen 1955 und 1975. Unsere Großeltern und unsere Eltern waren Kinder im Krieg und wurden mit Bombenangriffen, Flucht, Vertreibung, Hunger, großen Verlusten und Traumata in der Familie konfrontiert. Zu den Kriegsenkeln finden sich inzwischen zahlreiche Bücher, Zeitungsartikel und auch Vereine im Internet. Hier der Link zu einem Artikel aus der Süddeutschen vom letzten Jahr: Die Kinder der Traumatisierten.

 

Die Kriegskinder

 

Meine Eltern wurden 1943 und 1945 geboren. Nie hätte ich gedacht, dass sie noch Auswirkungen des Krieges in sich trugen. Aber gerade die jüngeren Kinder, bei denen das Langzeitgedächtnis noch nicht ausgebildet ist, erlitten oft kleinere und größere Traumata, ohne sie bewusst einordnen und bewältigen zu könnten. Ohne sie als solche benennen zu können. Dies verhinderte eine Auseinandersetzung und Verarbeitung mit dem Erlebten. Dazu ein Auszug aus dem Buch „Wir Kinder der Kriegskinder“ von Anne-Ev Ustorf:

 

„Fälschlicherweise glauben viele Menschen, dass nur die Kriegskinder, die alt genug waren, um sich an konkrete belastende Ereignisse zu erinnern, heute noch mit den Folgen des Erlebten zu kämpfen haben. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade die Jahrgänge 1942 bis 1945, die kaum oder gar keine Erinnerungen an ihre ersten Lebensjahre im Krieg oder die Zeit unmittelbar danach haben, leiden besonders an den Spätfolgen ihrer frühen Erfahrungen – oft ohne es zu wissen.“

 

…“ Diese Tatsache lässt sich wohl so erklären: gerade pränatale Erlebnisse und frühe Erfahrungen in den ersten drei Lebensjahren wirken sich maßgeblich auf unsere seelische und körperliche Gesundheit und emotionale Entwicklung aus. Babys lernen von ihren Bezugspersonen, ihren eigenen inneren Zustand zu deuten: So gut oder schlecht wie die Bindungsperson – meist die Mutter – die eigenen Gefühle regulieren kann, gelingt dies auch dem Baby.“ …“ Die Fähigkeit, Gefühlszustände anderer erkennen, Empathie empfinden und eigenen Gefühlszustände regulieren zu können, stammt aus dieser Zeit.“

 

Die meisten dieser Kriegskinder mussten mit ihren Gefühlen der Unsicherheit und der Einsamkeit alleine zurechtkommen. Und konnten meist nur den Weg der Verdrängung gehen, weil das die Normalität war. Aus der Traumatherapie weiß man, dass sich unverarbeitete traumatische Erfahrungen auf die nächste Generation übertragen können. Man spricht hier von transgenerationaler Weitergabe. Welche Wege diese Übertragungen nehmen und wie sie sich konkret auswirken, untersucht ein Bereich der Forschung: Die Epigenetik. Und es wird immer klarer: Nicht nur die eigene Biografie entscheidet darüber, ob ein Mensch glücklich und gesund durch das Leben geht, sondern auch die Lebensgeschichte seiner Vorfahren.

 

Den alten Schmerz loslassen

 

Die eigenen fehlenden Bindungserfahrungen haben es unseren Eltern oft unmöglich gemacht, uns den Halt und das Ur-Vertrauen zu geben, das ein Kind für die Vorbereitung auf das Leben eigentlich dringend braucht. Und es hat sie daran gehindert, mit ihren Partnern glückliche und erfüllte Beziehungen zu leben.

 

Ich hätte es meinen Eltern und uns Kindern anders gewünscht. Es macht mich traurig, dass es in meiner Familie so viele Brüche und so viel ungelebtes Glück gibt. Und ich es durch den Tod meiner Vaters endgültig akzeptieren muss. Durch diese Erkenntnis habe ich gespürt, dass das Kind in mir immer noch diese unerfüllte Sehnsucht in sich trägt. Und jetzt seinen Halt in mir braucht. Dass ich ihm helfen muss, den Schmerz loszulassen und zu transformieren.

 

Die Transformation ins Gute

 

Und ich bin dankbar, dass unsere Generation neben diesem schmerzlichen Mangel auch viel Gutes mit auf den Weg bekommen hat. Vor allen Dingen die Möglichkeit, diese alten, lähmenden Gefühle aufzulösen und in etwas Gutes zu verwandeln. Ich durfte in den letzten zwanzig Jahren immer tiefer Frieden mit meinen Eltern und ihren Unvollkommenheiten schließen. Weil ich erkannt habe, dass auch sie in einem unendlichen Mangel groß geworden sind und viel Altes tragen mussten.

 

Trotz vieler Verletzungen kann ich heute sehen, welches Potential sie mir in diesem Leben auch mitgegeben haben: Meine Empathie, meinen Humor, mein Gefühl für Raum und Gestaltung, die Fähigkeit zu improvisieren, meine Liebe zur Kunst und Literatur – und die tiefe Zuneigung und Loyalität für meine Freunde. All das haben auch sie nach ihren Möglichkeiten gelebt. Trotz ihrer eigenen emotionalen Einsamkeit und Verletzungen. Das ist für mich ein Trost, der über den Tod hinausweist. Und mich ein Stück damit versöhnt, dass in meiner Familie so viel ungelebte Sehnsucht gibt, an der jeder von uns auf seine Weise leidet und zu tragen hat.

 

Ich hoffe, dass noch viele Männer und Frauen meiner Generation diese alten emotionalen Verstrickungen für sich lösen können. Und so dafür sorgen, dass leidvolle Erfahrungen sich transformieren und in etwas Gutes verwandeln können. Auch und gerade im Angesicht des Sterbens.

 

 

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